
In diesem Haus leben bis zu neun Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr bei der Familie bleiben konnten. Während die jüngsten unter ihnen gerade einmal das schulpflichtige Alter erreicht haben, befinden sich andere hingegen bereits in ihrer Ausbildung und werden demnächst volljährig. Kein einziges ist von ihnen hier, weil die Eltern bei einem Unfall tragisch ums Leben gekommen waren. Ihre Schicksale berühren aber deswegen nicht minder. Sie erzählen von einem Leben voller Gewalt, maßloser Überforderung der Erziehungsberechtigten und sträflicher, teils lebensbedrohlicher Vernachlässigung.
Geteilte Erfahrung

Lange Übergabe
Diese und andere Biographien kommen hier in dem Kinder- und Jugendhaus zusammen und leben gemeinsam. Kein Wunder, dass es beinah täglich zu Vorfällen kommt, in denen die Kinder gegenüber sich selbst, untereinander, in der Schule oder gegenüber den Pädagoginnen verhaltensauffällig werden. So entsteht oft viel Gesprächsbedarf bei den Schichtübergaben. Denn Kinder spielen Eltern gerne gegeneinander aus. Damit das nicht auch bei einem großen Team an „Ersatzeltern“ passiert, muss jeder genauestens Bescheid wissen über das, was vorgefallen war und welche Konsequenzen darauf folgten. Denn viele Kinder lernen hier zum ersten Mal in ihrem Leben feste Strukturen kennen, Regeln einzuhalten, Verantwortung zu übernehmen und, dass auf Fehlverhalten auch angemessene Konsequenzen folgen. Keine leichte Umstellung.
Bärbel Rohr erfährt von ihrer Kollegin, dass es wieder Probleme damit gab, die Haushaltsdienste, die jedes Kind übernehmen muss, auch ordentlich auszuführen oder gar überhaupt zu machen. Drei der Kinder haben ein viertes im Garten dermaßen bedrängt, dass es aus Angst zur Erzieherin in Sicherheit flüchtete, ein anderes wurde angeblich von einem der ältesten Bewohner mit einem Schlagstock bedroht, ein anderer Junge kam mit starkem Alkoholgeruch von seinem Ausgang zurück, ein Mädchen schlug in ihrem Zimmer alles kurz und klein bis es anfing, sich selbst zu verletzen und den eigenen Kopf gegen die Wand zu schlagen… Jeden Tag zeigen sich die gleichen Probleme in anderer Form, bilden neue Symptome, variieren in ihrer Intensität.
Schwieriger Umzug
2019 wechselte dann Josy ins ASB Kinder- und Jugendheim, das damals noch in der Bettina-Von-Arnim-Straße in Königs Wusterhausen betrieben wurde. Wie war ihr erstes Ankommen? „Ganz schlimm. Alles war so clean, jedes Zimmer sah gleich aus, wie im Gefängnis. Ich habe gedacht, das wird mein Untergang. Dann noch die Begegnung mit Frau Grabow-Krüger… Unsere ersten Kontakte waren auch nicht die besten“, kommt Josy ins Lachen. „Frau Grabow-Krüger ist eine Person mit viel Autorität, klaren Regeln und Strukturen. Ich kam nicht aus einem Haushalt, in dem das mir gegeben wurde. Es war eine schwierige Umstellung, mich daran zu gewöhnen. Es hat einige Monate gedauert, bis ich in mein neues Leben gefunden hatte und so etwas wie angekommen bin.“
Angekommen im Heim
So geht es auch den Kindern hier. Insbesondere den Neuzugängen. Nach und nach kommen die ersten Kinder selbstständig aus der Schule oder werden von Bärbel Rohr abgeholt. Was in welchem Fall gilt, entscheidet zum einen der Grad der Selbstständigkeit aber auch eine Risikoabwägung. Denn egal wie schlecht es dem Kind oder Jugendlichen auch zu Hause ergangen ist, die meisten lieben ihre Eltern nichtsdestotrotz. Sie wollen wieder nach Hause, suchen die Nähe zu den Eltern. In den meisten Fällen klappt auch der regelmäßige Besuch an den Wochenenden oder zu Feiertagen, doch es gibt auch Fälle mit gerichtlichem Kontaktverbot. Für die Jüngeren ist das besonders schwer zu ertragen, zu begreifen, dass die Kontaktsperre ihr Leben schützt. Sie werden den Schulweg begleitet, um sicherzustellen, dass sie diese Gelegenheit nicht dafür nutzen, zu den Eltern zu fahren oder ihren Standort preiszugeben.
Angekommen im Heim bekommen sie ein warmes, frisch gekochtes Mittagessen. Daran schließt sich die Lernzeit an. Wer Hausaufgaben bearbeiten soll, hat nun Zeit für diese. Wer keine Schulaufgaben erledigen muss, bekommt Übungsblätter. Jeden Tag wird ein bisschen gelernt oder geübt. Sie alle haben starke Schwierigkeiten, sich zu motivieren und die Aufgaben zu bewältigen. Auch Loren sitzt am Tisch und macht Mathe-Übungen. Wie sich herausstellte ist sie gar keine Praktikantin, sondern eine Heimbewohnerin. Ihr Grund im Heim zu leben, gleicht dem von Josy: Eine Mutter, die nicht lieben kann und ihre Kinder vernachlässigt. Doch anders als bei Josy führte diese Vernachlässigung nicht in die Drogensucht, sondern in eine lange Klinik- und Heimbiographie, selbstverletzendes Verhalten, mentalen und emotionalen Entwicklungsverzögerungen. Sie ist der Neuzugang im Heim und erst seit zwei Wochen hier. Im Gegensatz zu den anderen Kindern kann sie noch nicht in die Schule gehen. Loren muss, bis sie ihren Schulplatz hat, ganztägig von den Kolleginnen wie Annika Zimmermann oder Bärbel Rohr betreut werden. Der Teenager verzweifelt gerade an seinen Matheaufgaben. Mathe der dritten bis vierten Klasse.
Normaler Wahnsinn
Allen schulpflichtigen Kindern wird in der Lernzeit in einer eins-zu-eins Betreuung geholfen. Bei zwei Erzieherinnen und mehreren Kindern manchmal eine Herausforderung. Während Annika Zimmermann mit einer Bewohnerin den Ärzte- und Therapeutenmarathon bewältigt, der zusätzlich das Leben vieler Bewohner bestimmt, bleiben Frau Rohr und Frau Grabow-Krüger mit den anderen Kindern und Teenagern zurück. Der Tag ist klar durchgetaktet. Handyfreie Zeit (natürlich mit überwachter Abgabe des Telefons), freie Spielzeit, haushaltliche Dienste, Abendbrot vorbereiten, Wäsche waschen, Einkäufe erledigen, Medikamente abholen, Nachrichten schauen, Ausgang, Schlafenszeit. Überall muss man ein waches Auge haben, jedes Kind genau dort abholen, wo es sich in seiner Entwicklung gerade befindet, bei Konflikten klären, an Regeln erinnern… Sehr schnell gerät man in diesen Sog einer Großfamilie und stellt erstaunt aber zufrieden fest, dass manche Probleme doch sehr alltäglich sind: das Brot ist leider zu hart geworden und reicht zudem nicht für die Schulschnitten des nächsten Tages, die Wäsche wurde nicht rechtzeitig aufgehangen und muss wegen des muffeligen Geruchs nochmal gewaschen werden, ein Kind hat vergessen, den Wischeimer wegzuräumen, ein anderes hat sich leicht an einem Brotmesser geschnitten und muss mit einem Pflaster und tröstenden Worten versorgt werden. Eben der ganz normale, alltägliche familiäre Wahnsinn. Nur eben etwas größer.
Verantwortung lernen
Um 16 Uhr kommen alle Bewohnerinnen und Bewohner zur Gruppenversammlung zusammen. Zwei wichtige Themen stehen auf der Agenda: „Wie wir miteinander umgehen“ und „Mahlzeiten“. Thomas leitet heute die Versammlung, Muhad schreibt das Protokoll. Seit der letzten Gruppenversammlung vor zwei Wochen gab es gravierende Vorkommnisse, die das gemeinsame Zusammenleben negativ beeinträchtigt haben. Auch die Ereignisse der letzten Tage werden angesprochen. Darüber hinaus gab es von den Kindern einige Beschwerden über die anderen Mitbewohner. Themen wie die Lautstärke einiger Kinder oder das unappetitliche Essverhalten einiger können schnell geklärt werden, das Drangsalieren anderer oder das mutmaßliche Bedrohen mit einem Schlagstock nimmt deutlich mehr Gesprächszeit ein. Alle Probleme münden aber in der gleichen Ursache: Mangelnder Respekt und unverhältnismäßige Konfliktbewältigung im Umgang mit anderen. In der gemeinsamen Diskussion wird schnell klar: Die Kinder haben es nie gelernt. Entweder weil es ihnen von den Eltern nie vermittelt wurde, oder schlichtweg weil diese es nie vorgelebt haben und sei es nur durch den Umgang mit ihrem eigenen Nachwuchs selbst. Es ist viel Arbeit für die Pädagog:innen zu vermitteln, warum Umgangsregeln wichtig sind. Doch am Ende können sich alle darauf einigen – zumindest für den Moment. Auch wenn es oft sehr schwierige Themen sind, die in der Gruppenversammlung zur Sprache kommen, mögen die Kinder diesen Austausch. Denn er gibt ihnen den geschützten Raum, Probleme untereinander anzusprechen, Wünsche zu äußern und das Zusammenleben demokratisch mitzugestalten. Sie lernen, mündig zu werden. Und sei es, heute gemeinsam zu beschließen, welche Gerichte in den nächsten Tagen zusammen gekocht und gegessen werden.
Eine zweite Chance
„Der Weg ist super schwierig“, erinnert sich die heute fast 22-jährige Josy an ihre Zeit im Heim. Aber sie hat ihn geschafft. „Ich bin stärker geworden, und auch deutlich selbstständiger als andere in meinem Alter. Das hat mir so viel gebracht. Alle sind hier mit so viel Herzblut dabei. Man wird immer unterstützt. Die Betreuer leisten so wichtige Arbeit. Ich wurde wieder in die richtige Bahn gelenkt, hatte plötzlich wieder eine Perspektive.“ Seit 2023 steht Josy auf eigenen Beinen, lebt mit ihrem Freund zusammen und steht am Ende ihrer Erzieherausbildung. Sie will unbedingt etwas zurückgeben. Sie ärgert es, dass noch so viele Vorurteile das Bild prägen: „Kinderheim ist immer noch so negativ behaftet. Jedes Mal, wenn ich sage, ich komme aus einem Heim, kommen die mitleidigen Blicke: ‚Ach Gott, du Arme. Das tut mir ja so leid.‘ Auch andersrum gibt es Vorurteile: Die Kinder und Jugendlichen seien alle gewalttätig und asozial. ‚Die sind nichts, die können nichts und aus ihnen wird auch nichts.'“ Gemeinsam mit anderen Erzieher-Auszubildenden sammelt sie Spenden für das Heim, organisiert Weihnachtsbasare. Sie will aufräumen mit diesen Klischees und später selber in dem Heim arbeiten und anderen Kindern, wie sie mal eines war, auch die Chance auf ein normales Leben ermöglichen.
„Ohne dieses Heim wäre ich verloren, ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung“, ist sie sich sicher. Im Nachhinein ist sie froh, dass ihr Leben genauso gekommen ist, wie es kam. Mit dem Heim und mit den neuen Chancen. „Ich bin sehr, sehr dankbar.“
Der richtige Weg
Es ist mittlerweile 22 Uhr im Heim. So langsam kommt Ruhe ins Haus. Alle Handys sind abgegeben, alle Kinder im Zimmer, die meisten schlafen. Bärbel Rohr ist seit 17 Uhr die einzige Erzieherin im Haus und hat den Abend mit den Kindern gemeistert. Krisengespräche, Gute-Nacht-Geschichten lesen, den morgigen Tag vorbereiten. Nun sitzt sie endlich am PC und hat Zeit, die Übergabeprotokolle für ihre Schichtablösung zu schreiben. Schon wieder füllen sich die Seiten zu jedem Kind – wie jeden Tag.
Irgendwann fallen ihr im Bett die Augen endlich zu, nachdem sie noch ein Weilchen gelesen hat. Bereits 4:30 Uhr klingelt der Wecker. Denn noch verschwitzt der ein oder andere, dass er rechtzeitig aufstehen und zur Arbeit oder in die Schule muss. Der kleine Michael hat heute Geburtstag und so wird Frühs liebevoll sein Platz hergerichtet und seine Geschenke hingestellt. Während die Größeren nach und nach morgenmuffelig am Tisch Platz nehmen und ihr Müsli knuspern, brauchen die Kleinen noch viel Unterstützung bei der Morgentoilette, dem Anziehen und Schulranzen packen.
Für sie alle beginnt ein neuer Tag im Kinderheim und für Bärbel Rohr endet so langsam ihr Dienst.

Normaler Wahnsinn
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