Gemeinsam angekommen
Generationenkonflikte zeigen sich angeblich am stärksten innerhalb der Familie. Man kennt sich sehr gut und geht vielleicht das ein oder andere Mal doch unverblümter in die Konfrontation. Da können schon einmal die Fetzen fliegen. Doch was ist, wenn man dann auch noch zusammen arbeitet? Wir wollten wissen, wie hoch die Explosionsgefahr wirklich ist.
„Sie kommt so gar nicht nach mir“, war eines der ersten Aussagen, die wir lachend von Kerstin Warnecke über ihre Tochter Sarah zu hören bekommen. Denn wir sind mit diesem Mutter-Tochter-Gespann verabredet, das seit knapp zwei Jahren nunmehr gemeinsam in unserem Demenzheim in Ludwigsfelde zusammenarbeitet. Sarah schüttelt grinsend ihren Kopf und bestätigt dieses Urteil. Doch was zieht zwei so verschiedene Charaktere in die Pflege?
Zwei Wege – ein Ziel?
Mama Kerstin kam über Umwege zur Pflege. Gerne wäre sie in die Ausbildung und arbeiten gegangen, doch ihre Fürsorge für die Familie ließ kaum Raum für Perspektiven. Erst durch ihren Umzug nach Ludwigsfelde bot sich die Chance, als Betreuungskraft erste berufliche Schritte zu gehen. Aus der Betreuungskraft heraus gelang der Quereinstieg in die Pflege. „Zu meinem 40. Geburtstag habe ich mich selber beschenkt und erfolgreich den Abschluss als Pflegefachkraft gemacht.“ „Mama hat die Nächte durchgebüffelt und jede freie Minute für die Ausbildung geopfert“, erinnert sich Sarah noch ganz genau. Sie war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt und hatte ihre berufliche Laufbahn bereits durchgeplant. Nach der Schule absolvierte sie die Ausbildung zur Sozialassistentin als Vorbereitung auf ihre anschließende Erzieherausbildung. „Erzieherin war mein Traumberuf, das wollte ich schon immer machen. Etwas anderes kam für mich nicht in Frage“, erinnert sich Sarah an die damalige Euphorie. Kerstin: „Sie hatte überhaupt nicht erst nach anderen Berufen geschaut. Aber es war ihre Entscheidung, sie musste damit glücklich werden.“ Statt der beruflichen Erfüllung gaben sich die Probleme die Klinke in die Hand: Pech mit den Lehrern, Pech mit dem Ausbildungsbetrieb – es lief einfach nicht rund. Aus der großen beruflichen Liebe wurde Enttäuschung, aus der Enttäuschung Frust und aus dem Frust ein abruptes Ende der Ausbildung. Plötzlich war alles weg: Die Perspektive, der gesicherte Pfad und die Chance, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und in eine eigene Wohnung auszuziehen.
„Ich war verzweifelt. Ich wollte alles tun, aber bloß kein Hartz IV beziehen.“ In ihrer Not bat Sarah ihre Mutti um Hilfe. Das Demenzheim suchte zu der Zeit eine Hauswirtschaftskraft für 20 Stunden. Um das Einkommen noch etwas aufzustocken, wurde der Vertrag um 10 Stunden Pflegeeinsatz erweitert. „Ich hatte echt Respekt; am meisten Angst hatte ich davor, Füße anfassen zu müssen.“ Also startete Sarah 20 Stunden in der Küche, 10 Stunden in der Pflege – erstmal nur fußaufwärts. Und wie lief es? „Ich habe es geliebt, ich verbrachte ungeplant immer mehr Stunden in der Pflege, die Küche rückte immer mehr in den Hintergrund. Und nach den ersten zwei, drei Füßen hatte ich meine Phobie auch überwunden“, lacht Sarah während Kerstin schmunzelt. So wurde aus der geteilten Jobbeschreibung eine Stelle als Pflegehelferin und die Position der Hauswirtschafterin neu ausgeschrieben.
Seitdem arbeiten Mutter und Tochter gemeinsam im Demenzheim Ludwigsfelde in der Pflege. Die beiden trennt nicht nur ein Altersunterschied von 21 Jahren, sondern die Erfahrungen in der Pflege als auch die Pflegeaufgaben. Denn Mama Kerstin hat als Pflegefachkraft ganz andere Kompetenzen und Aufgaben als ihre Tochter Sarah, die als Quereinsteigerinnin der Pflegehilfe arbeitet. Wie klappt das?
Privates und Berufliches verbinden
Als Quereinsteigerin in der Pflege lernte Sarah sehr viel von ihren Kollegen und Kolleginnen, um den Job gut zu meistern. Doch zu Hause konnte sie zudem den großen Wissenschatz ihrer Mutti anzapfen. Und das tat Sarah auch. Viele pflegerische Aufgaben wurden zu Hause geübt und unter Anleitung von Mama Kerstin geprobt. Da musste auch schon mal der kleine Bruder als Übungspuppe herhalten, solange, bis die besten Griffe zur Umlagerung und Mobilisierung in Fleisch und Blut übergingen. Doch auch auf Arbeit steht Kerstin ihrer Tochter bei. Sarah kam erst durch ihre Tätigkeit als Pflegekraft mit dem Thema Sterben in Berührung. Bei dem Tod ihres ersten Heimbewohners war Sarahs Mama an ihrer Seite und begleitete sie intensiv in Gesprächen durch das Erlebte und Gesehene. „Sie weiß, dass sie imer zu mir kommen kann. Aber sie entscheidet, wann sie meine Hilfe braucht und nicht ich“, blickt Kerstin auf die ersten Schritte ihrer Tochter in den Pflegeberuf zurück. Einen Unterschied, wie Menschen verschiedenen Alters auf die Arbeit und das Leben schauen, kann sie nicht erkennen. Vielmehr scheint es, als würde eher der Alltag Menschen trennen oder zusammenbringen.
Seit Sarah ebenfalls in die Pflege gewechselt ist, zudem noch an den selben Arbeitsplatz, scheint die Bindung zwischen den Frauen noch enger geworden zu sein. Auch wenn man sich durch unterschiedliche Schichten auch mal nur 15 Minuten am Arbeitsplatz begegnet, so teilt man doch die gemeinsame Fürsorge für die gleichen Senioren und Seniorinnen. „Auch privat verbringen wir deutlich mehr Zeit miteinander. Wenn wir in gleichen Schichten arbeiten, kommt Sarah frühs zum Frühstück zu uns, oder zum Feierabend gehen wir gemeinsam noch Wocheneinkäufe erledigen oder essen gemeinsam Abendbrot. Gefühlt machen wir nun mehr als zu der Zeit, als sie noch bei uns wohnte.“ Denn ja, mit dem neuen Job kam für Sarah auch die finanzielle Unabhängigkeit und eine eigene Wohnung. Noch hadert Sarah damit, wie Kerstin die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu machen. Noch sind die Bilder von ihrer Mutti beim ständigen Lernen zu präsent im Kopf. Aber auch da redet Mama Kerstin ihrer Tochter nicht rein: „Es ist ihr Leben.“
Gibt es denn überhaupt keine Probleme, wenn Mutter und Tochter gemeinsam arbeiten? Sarah überlegt: „Naja, am Anfang fiel es mir sehr schwer, meine Mutter auf Arbeit mit ‚Kerstin‘ oder ‚Frau Warnecke‘ anzusprechen, aber mittlerweile klappt das gut.“ Kerstin grinst in sich hinein: „Ganz oft rutscht ihr das ‚Mama‘ doch noch raus. Aber das ist schön.“























