Generationen im Einklang
Musik spielt im Leben vieler Menschen eine große Rolle. Musik dient als Sprache, die zwischen Kulturen, Moden und Individuen vermitteln kann. Sie ermöglicht, Gemeinschaft zu erleben – eines der tiefsten Bedürfnisse der Menschen. Auch auf unsere Psyche und unseren Körper nimmt Musik messbar Einfluss. Bringt sie auch altersverschiedene Herzen in den gleichen Takt?

Universal wirksam
Um zu verstehen, warum und wie Musik wirkt, müssen wir wissen, dass wir seit jeher musizieren. Die ersten Musiker beziehungsweise Sänger werden unter den Neandertalern vermutet. Musik spricht fast unser gesamtes Gehirn an: die Amygdala, der Nukleus Accumbens, Hypothalamus, der Hippocampus und verschiedene Kortexregionen. Dadurch werden Belohnungsnetzwerke aktiviert, die uns mit Botenstoffen wie Dopamin und Adrenalin versorgen. So reduziert Musik Stress, baut Aggressivität ab und lindert sogar Schmerzen. Studien belegen, dass Musik auch zwischen den Kulturen vermittelt. Isolierten Stammeskulturen wurden westliche Klavierstücke vorgespielt und sie zeigten die gleichen emotionalen Reaktionen auf fröhliche, bedrohliche oder traurige Musik. Musik synchronisiert Menschen und macht sie zu einer größeren Gemeinschaft. Daher ist sie sehr gut geeignet, auch Menschen unterschiedlicher Generationen zu einen. Vorausgesetzt, man kann sich auf eine Musikrichtung einigen.
Barrierefrei musizieren
Seit 2024 hat die ASB Tagespflege einen neuen Gast, Bernd Kirst. Und mit Bernd kam eine neue Passion. Das Harfenspiel.
Als Bernd Kirst vor fast 15 Jahren in Rente ging, hatte er endlich Zeit. Zeit für seine Frau, und Zeit für neue Hobbies. Doch während andere Rentner im Keller Modelleisenbahnen errichten, nutzte Bernd die Zeit, um der Leidenschaft seiner Frau und Musikerin auf den Grund zu gehen. Doch mit 65 Jahren nochmal Noten lernen und erst nach vielen Jahren einen Erfolg verbuchen? Klang wenig reizvoll.
Viel reizvoller ertönte dagegen die Veeh-Harfe. Sie gehört zu den Tischharfen und wurde aus der Akkord-Zither entwickelt, einem Instrument aus dem 17. Jahrhundert. Der Clou: Jeder kann sie spielen! Denn genau dafür wurde dieses Instrument Ende der 1980er gebaut. Der Erfinder Hermann Veeh baute sie, um seinem Sohn Andreas, der mit dem Down-Syndrom geboren wurde, das gemeinsame Musizieren zu ermöglichen. Es gelang. Anstelle von Noten werden Zupfmuster gespielt. Das „Notenblatt“ wird hinter die Saiten geklemmt. Man folgt lediglich einfachen Linien und zupft genau dann eine Saite an genau der Stelle, wo diese Linie mit einem dicken Punkt markiert ist. Anfänger zupfen mit einem Finger, Fortgeschrittene mit beiden Zeigefingern und die Profis nehmen mehrere Finger und komplexere Zupfmuster. Jedes Lied kann in dieses Zupfmuster und in verschiedene Schwierigkeitsgrade übersetzt werden. Toll klingt es immer. Das macht das Instrument ideal für Einsteiger und in der sozialen Arbeit, um Kinder, Menschen mit Behinderung sowie Senioren ganz niederschwellig an das Musizieren und das Spielen eines Instrumentes heranzuführen.
Geteilte Leidenschaft
Während Agnes Barbara Kirst die große klassische Harfe (und natürlich auch die Veeh-Harfe) spielt, begleitet sie nun ihr Mann an der Veeh-Harfe. Eine Leidenschaft, mit der sie längst nicht mehr alleine sind. Immer bekannter und beliebter wird die Veeh-Harfe. Mittlerweile trifft sich jede Woche in Senzig ein Ensemble und spielt gemeinsam diese Tischharfe. Mit dabei ist auch Kathi Rohde. Sie betreut Bernd seit 2024 als Leiterin der Tagespflege Königs Wusterhausen, denn er ist an Demenz erkrankt. Da er nun immer mehr vergisst, braucht er auch mehr Hilfe und Betreuung. Doch was er nicht vergisst: Seine Veeh-Harfe und seine Leidenschaft für das Musizieren. So hat er nicht nur Kathi Rohde angesteckt, sondern begeistert auch viele andere Gäste sowie den ein oder anderen Textschreiber, der aus dem Stand beigebracht hat „Glück auf“ und viele weitere Lieder zu spielen. Und so sitzen sie nun zweimal in der Woche zusammen, ASB-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Tagesgäste, die zwischen 20 und 40 Jahre Altersunterschied aufweisen, spielen gemeinsam Harfe, singen und manchmal wird sogar gejodelt. Denn das Alter wird zu Nebensache, wenn die Herzen im gleichen Takt schlagen.
